Camera Obscura
 

Camera Obscura, ein Begriff der nach Geheimnis klingt, vielleicht sogar ein bisschen nach Magie. Aber dieser schwarze Kasten, der Vorläufer unseres Fotoapparates, um den es hier geht hat nichts mit Magie zutun. Obschon die Camera Obscura im 16. Jahrhundert auch für «Zauber»-Schaustellungen auf Jahrmärkten zum Sichtbarmachen von kopfstehenden Gespenster und Teufeln benutzt wurde. Der neapolitanische Wissenschaftler Giovanni Baptista della Porta landete desswegen beinahe auf dem Scheiterhaufen.

Erkenntnisse im Umgang mit der Camera Obscura (oder Lochkamera) haben in den letzten Jahrhunderten tiefgreifende Veränderungen in gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen bewirkt, deren wir uns meistens nicht bewusst sind: So ist unser Kalendersystem aufgrund von Beobachtungen mit der Camera Obscura entstanden. Flämische und italienische Maler haben im 16. Jahrhundert mit Hilfe der Camera Obscura neue Maltechniken entwickelten. Auch in wissenschaftlichen Bereichen kamen neue Impulse immer wieder von Forschern, die sich mit der Camera Obscura beschäftigten: So verdanken Ibn Al-Haitam oder Johannes Kepler entscheidende Erkenntnisse in der Optik dem Umgang mit der Camera Obscura. In neuerer Zeit, 1960, gelang Richard Blake, einem amerikanischer Astrophysiker die erste Röntgenaufnahme der Sonne mit Hilfe einer Camera Obscura, da bis anhin kurzwellige Röntgenstrahlen in den Glaslinsen «hängen» blieben. Seither werden in der Astrophysik und der Raumfahrt regelmässig linsenlose Kameras eingesetzt.

Ein Neuansatz im Umgang mit der Camera Obscura kündigte sich bereits Ende der siebziger Jahre als Akt der Verweigerung gegenüber der allmächtigen, undurchschaubaren Technik an: Die einfache Technologie der Camera Obscura ermöglichen die Einbeziehung des Fotoapparats in den fotografischen Ansatz: nicht der Foto-Apparat bestimmt das Bild, sondern die Vorstellung von der Wirklichkeit bestimmt die Gestaltung des Apparats.

Selbstgebaute Kameras, gebogene Bildebenen, Weitwinkel-Aufnahmen, ersetzen des Lochs durch gekreuzte Schlitze, mit denen man Gebäude fotografisch zum Einstürzen bringen kann. Abfangen des Lichts an jeder beliebigen Stelle innerhalb des Kameragehäuses oder Verlust von Schärfentiefe, Aufhebung der Zentralperspektive, neuer visueller Zugang zur Realität - Erfahrung und Fühlen der Wirklichkeit in der Fotografie.

Die Langsamkeit des Aufnahmevorgangs wird der Rastlosigkeit der Zeit gegenübergestellt und als sich von der Zerstreutheit und Beiläufigkeit der Massenfotografie absetzende Konzentrationshilfe bei der künstlerisch-fotografischen Arbeit eingesetzt. Ebensowenig wie Bildschärfe und Konturenauflösung, die sich in ähnlicher wenn auch nicht gleicher Form mit Einstellungsmassnahmen und optischen Sytemen der Linsenkamera erzielen lassen, bezeichnet die Langsamkeit des Aufnahmevorgangs ein unverwechselbares Spezifikum der Lochkamera.

Markus Baumann